PLINIUS   DER  ÄLTERE ,    NATURGESCHICHTE     Band  2,  Kapitel  46 -58

 

 

Die Mond- und Sonnenfinsternisse aber, eine Erscheinung, die bei der Gesamtbetrachtung der Natur ganz besonders erstaunlich und einem Wunderzeichen ähnlich ist, seien Zeichen ihrer Größe und ihres Schattens.

Es ist freilich offensichtlich, daß die Sonne durch das Dazwischentreten des Mondes, der Mond dagegen durch das Vortreten der Erde verdunkelt wird , und daß so eine Wechselbeziehung entsteht , indem der Mond durch sein Dazwischentreten der Erde die Strahlen der Sonne entzieht und dann wieder die Erde dem Monde. Wenn der Mond sich dazwischen schiebt, wird die Erde plötzlich mit Dunkelheit überzogen, und ebenso wieder wird durch den Erdschatten das Leuchten  des Mondes abgeschwächt. So ist die Nacht nichts anderes als der Schatten der Erde. Der Schatten selbst aber hat die Form eines Kegels oder eines umgekehrten Kreisels, weil er nur mit der Spitze eintritt und nicht über die Höhe des Mondes hinausgeht, weil kein anderes Gestirn auf diese Weise verdunkelt wird und weil eine derartige Figur immer in eine Spitze ausläuft. Daß aber in großer Entfernung die Schatten schwinden, erkennt man beim sehr hohen Fluge von Vögeln; die Grenze der Schatten fällt also mit der Obergrenze der Luft und dem Beginn des Äthers zusammen. Über den Mond hinaus ist alles ganz rein und erleuchtet von dauerndem Licht. Von uns aber werden die Sterne während der Nacht gesehen, wie alle übrigen Lichter im Dunkeln, und aus diesem Grunde erscheinen Mondfinsternisse nur nachts. Beide Arten der Verfinsterung treten nicht zu feststehenden und monatlich wiederkehrenden Zeiten auf wegen der Geneigtheit des Tierkreises und wegen der schon erwähnten vielfachen Windungen der Mondbahn, so daß die Bewegung der Gestirne nicht immer bis in die kleinsten Teile übereinstimmt.

 

Diese Überlegung erhebt den Geist der Sterblichen in himmlische Sphären und enthüllt ihnen, wenn sie von da aus beobachten, die Größe der drei größten Weltkörper. Es könnte nämlich der Erde nicht beim Dazwischentreten des Mondes das gesamte Sonnenlicht genommen werden, wenn die Erde größer wäre als der Mond. Drittens aber ergibt sich aus den beiden die Gewaltigkeit der Sonne, so daß es nicht notwendig ist diese durch visuelle Eindrücke oder rationale Berechnungen weiter zu erforschen. Sie muß einfach unermeßlich sein, weil sie die Schatten von Bäumen, die sich beliebig viel Meilen an einem Grenzsaum hinziehen, doch ganz parallel wirft, als wenn sie in dem gesamten Raume überall in der Mitte stände; ebenso weil sie zur Zeit der Tag- und Nachtgleiche für alle Bewohner des Südens zugleich im Scheitelpunkt steht;  ferner, weil bei denen, die in der Nähe des Wendekreises wohnen, um die Mittagszeit die Schatten nordwärts fallen, beim Aufgang der Sonne dagegen nach Westen. Dies alles könnte auf keinen Fall eintreten, wenn die Sonne nicht viel größer als die Erde wäre; auch könnte sie sonst bei ihrem Aufgang das Ida-Gebirge, das sie von der linken und der rechten Seite umscheint,  nicht an Breite übertreffen, zumal da sie durch eine so gewaltige Distanz von ihm getrennt ist.

 

Die Verfinsterung des Mondes zeigt die Größe der Sonne ebenso unzweifelhaft, wie die Verfinsterung der Sonne die Kleinheit der Erde beweist. Denn da die Schatten drei Gestalten haben können, und da es feststeht, daß, wenn der Körper, welcher den Schatten wirft, dem leuchtenden Körper an Größe gleich ist, der Schatten eine Säule bildet und endlos ist, wenn aber der dunkle Körper größer ist als der leuchtende, der Schatten einen stehenden Kreisel bildet, dessen Fuß spitz und dessen Ausdehnung ebenfalls unbegrenzt ist, und daß, wenn der dunkle Körper kleiner ist als der leuchtende, eine spitz zulaufende Kegelform entsteht, und daß gerade eine solche Form des Schattens bei Mondfinsternissen beobachtet wird, so wird

dadurch ganz offensichtlich, ohne daß eine Spur des Zweifels bleibt, daß die Erde an Größe von der Sonne übertroffen wird. Auch ergibt sich dieses aus stillen Fingerzeigen, die die Natur selbst gibt. Warum nämlich entfernt sich die Sonne im Wechsel der Jahreszeiten zur Winterszeit, oder warum erfrischt sie durch den Schatten der Nächte die Länder, die sie sonst ohne Zweifel austrocknen würde und auch so noch an bestimmten Stellen der Erde wirklich austrocknet. So gewaltig ist ihre Größe.

 

Den Grund für die Verfinsterungen beider Gestirne machte als erster Römer Sulpicius Gallus allgemein bekannt, der unter anderem zusammen mit M. Marcellus das Konsulat bekleidete, damals aber Kriegstribun war. Er wurde am Tage vor dem Sieg des Paulus vom Befehlshaber Paulus vor die Heeresversammlung geführt und befreite das Heer von allen Befürchtungen, indem er die Finsternis vorher bekannt machte; bald darauf verfaßte er auch ein Buch darüber.

Bei den Griechen erforschte die Ursache der Verfinsterungen zuerst Thales von Milet im vierten Jahre der achtundvierzigsten Olympiade, indem er die Sonnenfinsternis vorhersagte, die zur Regierungszeit des Königs Alyattes 170 Jahre nach der Gründung Roms eintrat. Nach ihnen bestimmte Hipparchos den Lauf beider Sterne auf 600 Jahre hinaus, wobei er Monate, Tage und Stunden für die verschiedenen Völker und auch die Lage der Orte und der Erscheinung für die einzelnen Völkerschaften nach dem Zeugnis seines Zeitalters so genau angab, als hätte er selbst im Rate der Natur gesessen: in der Tat waren das große und über die Beschränktheit der Sterblichen erhabene Männer, die durch die Erkenntnis der Gesetzmäßigkeiten so großer Weltkörper das elende menschliche Gemüt von seinen Ängsten erlösten, das bei solchen Verfinsterungen Unheil oder sogar irgendwie den völligen        Untergang der Gestirne befürchtete. Daß selbst der erhabene Dichtermund des Stesichoros und des Pindar von diesen Befürchtungen nicht frei war, liegt offen zu Tage. Bei Mondfinsternissen argwöhnte das Volk Giftmischerei und suchte Abhilfe mit allerhand mißtönenden Geräuschen. Unkundig dieser Dinge wagte der athenische Flottenkommandant Nikias aus einer solchen Angst heraus nicht, die Flotte aus dem Hafen zu führen und fügte dadurch der Macht der Athener größten Schaden zu. Seid gepriesen ob eures Genies, ihr Himmelskundigen und Kenner der Naturgesetze, die ihr durch Herausfinden der Gesetzmäßigkeiten des Himmels Götter und Menschen übertroffen habt. Wer nämlich sollte, indem er diese Dinge und die gewöhnlichen sogenannten Störungen der Gestirne sieht, es nicht für gerechtfertigt halten, daß auch die sterblichen Geschöpfe sich ihrem Schicksale fügen müssen?

 

Nun werde ich das, was über diese Fragen zugestanden wird, kurz und abschnittsweise abhandeln, mit knapper Angabe der Gründe an den jeweils notwendigen Stellen. Denn zum einen liegt eine vollständige Beweisführung nicht im Zwecke dieses Werks  und zum andern ist es weniger erstaunlich, daß man nicht für alle Dinge die Ursachen anführen kann als daß man wenigstens in einigen Problemen eine übereinstimmende Meinung feststellen kann.

 

Gesichert ist, daß sich die Verfinsterungen in 223 Monaten in bestimmter Ordnung wiederholen; und zwar erfolgt eine Sonnenfinsternis nur bei Neumond oder in der ersten Phase, die man den Vorübergang nennt, eine Mondfinsternis aber nur bei Vollmond und immer etwas weiter westlich von der Position, wo sie vorher eingetreten war. Von beiden Sternen aber kommen in jedem Jahre zu bestimmten Tagen und Stunden auch Verfinsterungen unterhalb der Erde vor; wenn sie aber auch oberhalb derselben auftreten, sieht man sie dennoch nicht überall,

bisweilen wegen der Wolken, öfter aber, weil die Erdkugel den Wölbungen des Himmels im Wege steht.

                                                            

Vor über 200 Jahren ist durch den Scharfsinn des Hipparchos festgestellt worden, daß eine Mondfinsternis bisweilen auch im fünften Monat nach einer vorhergegangenen eintrete, eine Sonnenfinsternis aber im siebten Monate. Ferner, daß die Sonne zweimal innerhalb von 30 Tagen oberhalb der Erde verfinstert werde, die aber nur von anderen bemerkt werde. Das erstaunlichste an diesem Wunder aber ist, daß, da doch Übereinstimmung darüber besteht, daß der Mond durch die Sonne verdunkelt wird, dies bald von der Westseite mit ihm geschieht, bald von der Ostseite, und auf diese Weise  hat es einmal geschehen können, daß, obgleich nach Aufgang der Sonne der verdunkelnde Schatten unter die Erde fallen muß, doch der Mond beim Untergange sich verfinsterte, während beide Gestirne oberhalb der Erde sichtbar waren. Denn daß beide Gestirne sich binnen 15 Tagen einmal total verfinstert haben, das hat sich auch in unseren Tagen ereignet, und zwar als Kaiser Vespasian zusammen mit seinem Sohn zum dritten Mal Konsul war.

 

Es ist unzweifelhaft, daß der Mond, wenn er zunimmt,  die Spitzen von der Sonne abwendend immer nach Osten sieht, wenn er abnimmt, aber immer nach Westen sieht. Ferner scheint er von der zweiten Phase an bis zum Vollwerden stets 47 ½  Minuten mehr, beim Abnehmen aber ebensoviel weniger. In einer Entfernung von weniger als 14 Graden von der Sonne ist er niemals sichtbar. Hieraus läßt sich schließen, daß die Planeten größer sind als der Mond, da diese bisweilen schon bei einer Entfernung von nur sieben Graden bemerkbar werden, aber die Höhe ihrer Bahn läßt sie kleiner erscheinen. Die Fixsterne aber sieht man tagsüber vor dem Glanze der Sonne gar nicht, obwohl sie doch in gleicher Weise bei Tag und bei Nacht leuchten, wie man dies deutlich bei Sonnenfinsternissen und in sehr tiefen Brunnen erkennen kann.          

 

 

 

LUCIUS ANNAEUS SENECA :     NATURALES QUAESTIONES ,    Band 7. Kap.1

 

(Über die Kometen)

 

Seneca wendet sich dagegen, daß man die Himmelserscheinungen nur dann betrachtet, wenn etwas Spektakuläres eintritt wie z.B. eine Sonnenfinsternis

 

 

Niemand ist derartig geistig träge und abgestumpft und so auf den Erdboden fixiert, daß er sich bei göttlichen Erscheinungen nicht aufrichtete und sich mit seinem gesammelten Verstand erhöbe, sobald eine neue, wunderbare Erscheinung am Himmel aufleuchtet. Denn solange, wie das Gewohnte abläuft, läßt uns die Gewohnheit die Größe nicht spüren. Denn wir sind so eingestellt, daß das täglich Wiederkehrende, auch wenn es der Bewunderung würdig ist, an uns vorbeigeht, dagegen aber eine Erscheinung der geringsten Art, wenn sie gegen die Gewohnheit auftritt, anziehend auf uns wirkt.                                                                  

 

Von daher gesehen läßt der normale Lauf der Gestirne, an denen man die Schönheit eines gewaltigen Körpers wahrnimmt, das Volk nicht zusammenlaufen; sobald aber eine Veränderung gegenüber dem gewohnten Lauf eintritt, sind die Blicke aller zum Himmel gerichtet. Niemand beobachtet den Mond, wenn nicht gerade eine Finsternis eintritt, dann werden ganze Städte aufgescheucht, dann jammert jeder für sich in seinem grundlosen Aberglauben.

 

Um wieviel stärker noch sind jene Erscheinungen bei der Sonne, weil die Sonne, um es so zu sagen,  ebensoviele Abstufungen in ihrem Erscheinungsbild hat wie Tage, und weil das Jahr mit ihrem Umlauf abläuft, weil sie von der Sonnenwende an sich neigt, um die Tage kürzer werden zu lassen, und weil sie von der Tag- und Nachtgleiche an sofort ihre Neigung verändert und den Nächten Raum gewährt, weil sie Gestirne verdunkelt, weil sie die Erden, obwohl sie viel größer ist als jene, nicht verglühen läßt, sondern ihre Hitze angenehm wärmend wirken läßt, indem sie die Temperatur durch Heben oder Senken mäßigt, weil sie den Mond nur dann voll erscheinen läßt, wenn er ihr zugewandt ist, und den Mond nicht verdunkelt, wenn er nicht abgewandt von ihr steht.

 

Dennoch bemerken wir all dieses nicht, solange die übliche Ordnung eingehalten wird. Wenn aber irgend etwas in Unordnung gerät oder außerhalb der Gewohnheit am Himmel aufleuchtet, schauen wir danach, stellen Fragen und zeigen darauf;  so sehr ist es natürlich, daß wir etwas Neuartiges als etwas Großes  bewundern.

 

 

 

LUCRETIUS:   DE RERUM  NATURA ,  Buch  5,  Verse 751 -771

 

 

Ebenso auch sollst du glauben, daß die Sonnenfinsternisse und Mondverfinsterungen aus mehreren Gründen geschehen können. Denn warum sollte der Mond die Erde vom Licht der Sonne abschneiden können und von der Erdseite her ihr sein hochstehendes Haupt entgegenstellen, wobei er einen dunklen Kreis mit glühendem Strahlenkranze wirft.

Soll man annehmen, daß zur gleichen Zeit kein anderer Himmelskörper dies bewirken könnte, der immerzu ohne eigenes Licht dahingleitet?

Warum könnte nicht auch die Sonne in erschöpftem Zustand aufhören, ihre feurigen Strahlen zu entsenden und wiederum zu einem bestimmten Zeitpunkt ihr Leuchten wieder aufnehmen, wenn sie aber auf dem Weg durch die Lüfte Regionen passierte, die ihrer Strahlung feindlich sind, die feurigen Strahlen verlöschen und verschwinden lassen?

Und warum könnte nicht auch ihrerseits die Erde den Mond des Lichtes berauben und, wenn sie selbst ihren Höchststand erreicht, die Sonne verdeckt halten, während der Mond in seinem monatlichen Lauf durch die kältestarrenden Schatten des Raumes gleitet.

Könnte nicht zur selben Zeit ein anderer Himmelskörper dem Monde zur Hilfe kommen oder oberhalb der Bahn der Sonne vorbeigleiten, ein Himmelskörper, der die Strahlen und das sich ergießende Licht der Sonne unterbräche?

Und wenn dennoch der Mond durch sein eigenes Licht erglänzt, warum könnte er nicht an einer bestimmten Stelle des Weltalls erlahmen, während er mit seinen eigenen Strahlen durch feindliche Himmelsregionen dringt und in seinem monatlichen Lauf durch kältestarrende Schattenregionen gleitet?