1) Der Sternenhimmel - ein mythologisches Bilderbuch


Erhebe die Augen
und du wirst die Sterne sehen.

Australisches Sprichwort


Der Mensch der Vorzeit lebte in Einklang mit der Natur. Er erkannte, dass der Tages- und Jahresrhythmus durch den Verlauf der Sonne und der Sterne bestimmt werden: Im Laufe der Nacht wanderten die Sterne von Ost nach West, von Tag zu Tag verschob sich ihr Auf- und Untergang, im Laufe der Zeit verschwanden auffallende Sterngruppierungen und andere bekannte tauchten wieder auf.

Der Sternhimmel diente somit in der Nacht als Uhr, für die Landwirtschaft als Kalender und der aufkommenden Seefahrt nachts als Orientierungshilfe.

Um der Nacht etwas von ihrer Bedrohung durch die Finsternis zu nehmen, fassten die frühen Kulturen auffällige Sterngruppierungen zu Sternbildern zusammen und ordneten ihnen vertraute Gestalten aus dem persönlichen und religiösen Umfeld zu. So bevölkerten sie den Himmel mit Haustieren, wilden Tieren, Helden aus ihren Sagen sowie Göttern, die sie verehrten.

Manche der Sagen und Mythen, die sich um ihre Sternbilder rankten, gingen im Laufe der Zeit verloren, andere überlieferten antike Schriftsteller der Nachwelt. So gibt die Geschichte eines Sternbildes Zeugnis von der jeweiligen kulturhistorischen Epoche, und viele Kulturen interpretieren die Sternbilder unterschiedlich.


Heute ist der Blick zu Himmel für den Menschen keine Selbstverständlichkeit mehr:

Einerseits stellt die Dunkelheit für ihn keine Bedrohung mehr dar und er besitzt Uhren und Kalender, andererseits ermöglichen die moderne Zivilisation mit ihrer engen Bebauung, der Luftverschmutzung sowie ihrer nächtlichen Lichterflut oft nur noch einen eingeschränkten Blick zum Himmel.

Die Sterne mit ihren zufälligen Anordnungen, die wir als Sternbilder interpretieren, sind den meisten Menschen fremd geworden. Abgesehen von den Tierkreiszeichen kennen Viele nur das Sternbild des Großen Wagens und den Polarstern. Seltener kommt noch das Himmels-W der Kassiopeia hinzu. Die Frage nach der Herkunft des Sternbildnamens bleibt meist unbeantwortet.

Dr. F. Kahn formulierte es bereits 1914 so:
"Der Mensch der Vorzeit fand sich am Himmel unter den Sternen so zurecht wie wir uns im Fahrplan und Kalender zwischen Zahlen und Rubriken. Dem Mensch der Vergangenheit war der Sternhimmel ebenso vertraut wie er dem der Gegenwart es nicht ist".

Und dennoch: es lohnt sich, in klaren Nächten zum Himmel zu blicken!

Dafür benötigt man keine fachspezifischen Hilfsmittel. Kein Teleskop und kein Fernglas kann den überwältigenden Gesamteindruck vermitteln, der sich dem unbewaffneten Auge in einer klaren Sternennacht bietet.

Man darf sich dabei nicht dadurch entmutigen lassen, dass viele Sternbilder kaum Ähnlichkeit mit der Gestalt besitzen, die sie verkörpern sollen. Unsere Urahnen fanden keine Portraits am Himmel, sondern versuchten ihn mit vertrauten Figuren aus ihrem Umfeld sowie überlieferten Sagen und Mythen anzufüllen.

Unser Projektbeitrag versucht, an Hand ausgewählter Beispiele Ihr Interesse an den Sternbildern zu wecken und Hintergrundinformationen zu einigen markanten Sternbildern zu liefern.

Auf den folgenden Seiten können Sie zum Beispiel erfahren, wie wilde Tiere an den Himmel kommen, welche Folgen Eitelkeit und Prahlerei haben können, werden Sternbildverwandtschaften kennenlernen, sehen, was mit naschhaften Lügnern geschieht und wie weit Freundschaft zwischen Geschwistern reichen kann. Auch wird ein Hinweis darauf gegeben, welchen Vorteil lange Haare von Frauen besitzen können.

Wir wollen Sie als vom naturwissenschaftlichen Weltbild geprägten Menschen für die Bilderwelt der früheren Kulturen sensibilisieren und die Sternbilder vor Ihrem Auge lebendig werden lassen.

Erinnern wir uns doch nur an die überwältigenden persönlichen Eindrücke während der totalen Sonnenfinsternis am 11.8.1999 (falls Sie dieses Himmelsschauspiel beobachten konnten)! Ließen sich doch während der Totalitätsphase die Ängste früherer Kulturen vor der Finsternis direkt nachvollziehen!

In den folgenden Kapiteln lassen wir Sternbilder erzählen und stellen Ihnen Interpretationen durch verschiedene Kulturkreise vor.

Dann sehen auch Sie in einer Sternennacht den Himmel mit anderen Augen, erkennen Zusammenhänge zwischen den Sternbildern und erreichen so eine bessere Orientierung am Himmel:
"Lernen besteht in einem Erinnern von Informationen, die bereits seit Generationen in der Seele des Menschen wohnen" (Sokrates).

Lasst uns doch auf die eigentliche Bedeutung des griechischen Wortes für "Mensch" besinnen:
"ántrõpos" - "der, der nach oben schaut".

Folgen wir Ovid, der in seinen Metamorphosen schreibt:
" Und während die anderen Wesen gebeugt zur Erde blicken, gab er dem Menschen ein hoch erhobenes Antlitz, hieß ihn den Himmel betrachten und sein Gesicht stolz zu den Sternen erheben".


Quellen

Wir danken dem Verlag Klett-Direkt für die freundliche Überlassung eines Exemplars von "Sternbilder und ihre Mythen".

Dieses Buch ist äußerst informativ, schildert das Thema sehr ausführlich und gibt viele weitere Hintergrundinformationen.

Es stellt eine Fundgrube und Bereicherung unseres Projektes dar.



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